«À bas la photographie!!!» Dies die Überschrift des Leitartikels, in dem der Karikaturist Marcelin am 6. September 1856 der Fotografie den Niedergang wünschte. Der Text war satirisch, doch die Kritik der damals jungen Technik war echt. So warnte etwa der Dichter Charles Baudelaire, wenn man der Fotografie erlaube, die Kunst zu ersetzen, werde sie diese verdrängen.
Gestern Paris, heute Palo Alto
170 Jahre später wissen wir: Die teuflische Fotografie hat die Welt zum Glück erobert, ohne die Kunst zu besiegen. Das Gleiche wird (Vorsicht Spoiler) mit KI-generierten Bildern geschehen, der technischen Neuheit, über die heute gestritten wird. Das Epizentrum der Disruption befindet sich zwar nicht mehr in Paris, sondern im Silicon Valley, die Schockwelle ist aber vergleichbar – und wird ebenfalls bald abklingen.
Die Prognose mag erstaunen angesichts der Shitstorms, die KI-generierte Werbebilder derzeit auslösen, auch in der Schweiz. Um den Blick nach vorn zu schärfen, lohnt sich ein vertiefter Blick in den Rückspiegel. Drei Vergleiche helfen beim Einordnen.
1. KI-Bilder vs. Photoshop
«Es wird immer schwieriger, fotorealistisch synthetisierte Bilder von echten Fotos zu unterscheiden.» Das Zitat stammt aus dem 1994 erschienen Buch «The Reconfigured Eye» von William Mitchell. So gut wie alles, was Mitchell über ästhetische Möglichkeiten und ethische Bedenken der Bilderstellung und -bearbeitung schreibt, lässt sich 1:1 auf die Gegenwart übertragen. KI hat die Möglichkeiten explodieren lassen, ohne die zentrale Erkenntnis zu ändern: Nicht die Technik verdient Kritik, sondern deren irreführende Nutzung.
2. KI-Bilder vs. iStockphoto
Aber ist es irreführend, wenn in einer Werbekampagne ein KI-generiertes statt eines wirklich fotografierten Bilds verwendet wird? Dazu sollte man am besten Rebecca Ariane Givens befragen, die vor rund zehn Jahren als «Overexposed Stock Image Model» für Schlagzeilen sorgte, weil ihr Gesicht zu den meistverwendeten Datenbankbildern der Welt gehörte. Ihr Beispiel versinnbildlicht, dass es punkto Authentizität keinen Unterschied macht, ob ein Werbebild generiert oder lizenziert wird. Und wenn man sieht, wie Bilddatenbanken heute regelrecht von KI-Bildern geflutet werden, wird die Frage erst recht ad absurdum geführt.
3. KI-Bilder vs. Fotorealismus
Auch im Spannungsfeld von Kunst und Künstlichkeit lässt sich das Auge für die Problematik schulen. Wären die fotorealistischen Gemälde eines Gerhard Richters weniger beeindruckend, wenn sie statt mittels Rasterprojektionen mit Hilfe von Prompts entstünden? Würden die Selbstportraits von Cindy Sherman an Kraft einbüssen, wenn die Künstlerin zusätzlich zu Techniken wie Green Screen und Photoshop auch generative KI verwendete?
All diese Gegenüberstellungen machen klar: Im Fokus unseres Urteils sollten nicht die Werkzeuge stehen, sondern vielmehr die Menschen, die sie anwenden, und die Motive (im doppelten Wortsinn), die sie antreiben. Eine Erkenntnis übrigens, die auch in Marcelins eingangs zitiertem Leitartikel steckt. Wer damals genau hinschaute, entdeckte nämlich eine kleine, entscheidende Fussnote zum Titel: «Nieder mit der Fotografie – es sei denn, sie ist von meinem Freund Nadar gemacht.»
Zum Schluss ein Disclaimer: So übertrieben die Besorgnis um KI-Bilder in der Werbung ist, so berechtigt ist sie in Bezug auf gesellschaftliche Fragen, vom Wert der menschlichen Arbeit über die politischen und ökonomischen Interessen hinter den Tech-Konzernen bis hin zu Fragen des geistigen Eigentums, des Datenschutzes und des Energieverbrauchs.




